Leseprobe "Der Himmel anderswo"

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Engel vermuten wir Menschen auf Wolken, Bettler im Staub. Zu dieser Einsicht gelangt Irina als Mädchen. Im Alter von sieben Jahren will sie ihre Flügel ausbreiten, nicht ahnend, dass sie die Erfüllung dieses Wunsches auf dem Boden zurücklassen wird. Der Himmel unerreichbar. Von reinem Blau und fremd.
Mit ihrer Sehnsucht nach Schwerelosigkeit wächst Irina in einer Bergarbeitersiedlung heran. Im Dorf gibt es nur eine asphaltierte Straße. Während der Sommermonate läuft Irina barfuß im Staub. Die winzigen Körnchen sammeln sich zwischen ihren Zehen und überziehen Spann, Rist und Knöchel mit jener grauen Schicht, in die für das kleine Mädchen beinahe alle Bewohner des Dorfes eingehüllt erscheinen. Während des Laufens träumt Irina davon, sich in die Luft zu erheben. Dabei umrundet sie am liebsten die verlassenen Grundstücke am Rande des Ortes. In den unbewirtschafteten Gärten blühen Kamillen und andere Wildkräuter, zwischen deren Stängeln und Blüten Spinnennetze hängen. Irina stellt sich vor, dass der Duft der Pflanzen sich in den klebrigen Fäden fängt. Sich das feine Gewebe so über den allgegenwärtigen Geruch nach Schweinekot und Urin breiten lässt.
Mit ihren knapp sieben Jahren hat Irina die Siedlung noch kaum jemals verlassen. Sie kennt die umliegenden Felder, die ihr wie eine nicht enden wollende Begrenzung erscheinen und die manchmal schwarz von Krähenschwärmen sind. Sie weiß um den Wandel des Flusses, der im Sommer ein stiller Bach ist, aus dessen klarem Wasser sie geschliffene Kiesel und grüne Algenfäden fischt und der nach der Schneeschmelze zu einem hörbar rauschenden und undurchsichtigen Strom schwillt. Sie ist vertraut mit den Verstecken im Wald, die sich im feuchten Wurzelwerk der Eichen, hinter moosbewachsenen Felsen und umgestürzten Baumriesen befinden und natürlich kennt sie das Nachbardorf, in dem sie mit ihrem Bruder gemeinsam die Schule besucht. Doch während Irinas Familie das enge Leben in der Siedlung und ihrem Umland zu genügen scheint, sehnt sich das Mädchen nach fremden Bildern und Begegnungen.
Irinas Vater, der als Jugendlicher auf der Suche nach Beschäftigung in die Bergarbeitersiedlung gekommen ist, schürft seit damals in ein und derselben Lagerstätte, verbringt den Großteil seines Lebens in jener Finsternis, deren Anonymität er über die Jahre zu schätzen gelernt hat. Unter Tage kriecht er durch Stollen, bewegt sich mit dem Presslufthammer in Händen in Schächten oder Kavernen fort. Staub schwärzt Finger und Gesicht. Mischt sich mit Schweiß. Auf der Haut ihres Vaters bemerkt Irina immer einen Rest der ölig-rußigen Schicht.
Oft arbeitet der Vater bis zu acht Stunden ohne Unterbrechung, um Steinkohle aus der Tiefe zu fördern, und nicht selten singt oder pfeift er dabei ein Lied. Irina hört seine Melodie in unterirdischen Hohlräumen verklingen. Sie wird vom Lärm der Förderbänder und Gerätschaften übertönt und nur Noten von besonderer Höhe entkommen manchmal durch Ritzen oder Risse im Gestein. Wenige Kumpel teilen seine Ansicht, aber ihr Vater hält den Beruf des Bergmanns für einen guten.
Irinas Mutter ängstigt sich an der Oberfläche zur selben Zeit derart um das Leben ihres Mannes, dass sie das eigene, ebenso wie das ihrer Kinder, kaum wahrnimmt. Sie ist eine Frau aus der Stadt, die ihre Kindheit und Jugend in Plattenbauten verbracht hat. Zwischen Grafitti-besprühten Wänden. Auf asphaltierten Straßen und gepflasterten Parkplätzen. Mit siebzehn Jahren lernt sie Irinas Vater bei einer seiner seltenen Einkaufsreisen kennen, als er sich, dem Drängen seines gläubigen Vorgesetzten nachgebend, in einer kleinen Schneiderei einen Sonntagshut anfertigen lässt.
Als Irinas Mutter ihren Vater zum ersten Mal sieht, fühlt sie sich sofort zu ihm hingezogen. Sein fester Gang gefällt ihr. Sein breiter Rücken. Niemals jedoch wird sie sich später an seinen Beruf als Bergmann gewöhnen können.
Wenn er auf Schicht ist, betet sie stets im Stillen, wirkt abwesend oder verwirrt. An guten Tagen bestickt sie Taschentücher und Bettbezüge mit frommen Sprüchen und Segenswünschen, häkelt Tischdecken, die sie einmal pro Woche auf dem Markt im Nachbardorf verkauft und mit denen sie manchmal im Ort von Tür zu Tür geht. An schlechten Tagen zittern ihre Finger so, dass sie die Nadel kaum halten kann. Die Kinder kennen ihre Mutter damals nur mit zerstochenen Händen.
Das von der Mutter gefürchtete Grubenunglück geschieht kurz vor Irinas siebtem Geburtstag. Obwohl die Betreiber des Bergwerks ihrer Mutter und den anderen Ehefrauen im Dorf immer wieder aufs Neue versichern, bald eine erhebliche Summe Geld in moderne Gerätschaften investieren zu wollen, geschieht dies nie, und so sterben in der Grube infolge der veralteten Fördertechniken und schlechten Sicherheitsvorkehrungen jedes Jahr mehrere Kumpel.
An solch einem Tag geht Irinas Vater unter die Erde, ohne zu wissen, dass er die Fahrt das letzte Mal antritt. Die Schlagwetterexplosion ereignet sich tief im Inneren des Bergwerks.
Wodurch das ausgetretene Grubengas gezündet wurde – ein defektes Gerät, eine kaputte Stirnlampe oder die Unachtsamkeit eines Bergmanns –, kann nie aufgeklärt werden und wie die meisten der betroffenen Familien vermuten, besteht bei den Verantwortlichen auch kein besonderes Interesse daran.
Die Detonation bringt den Abschnitt des Stollens, in dem
sich Irinas Vater befindet, zum Einsturz. Siebzehn Minenarbeiter werden direkt durch die Explosion des Methangases getötet, fünf Männer durch herabfallende Gesteinsbrocken erschlagen. Irinas Vater ist einer von zwei Kumpel, die das Glück haben, nur teilweise verschüttet zu werden.
Als die Felsstücke auf ihn niederprasseln, die Wucht größerer
Trümmer ihn zu Boden reißt, glaubt er zu wissen, dass er seine Familie nicht wiedersehen wird. Auf der Erde liegend fühlt er, wie die Dunkelheit des Gewölbes in seine Mundhöhle kriecht. Sie bewegt sich seinen Rachen, die Luftröhre hinab in seinen Brustraum, breitet sich in seinen Lungenflügeln aus, verdrängt den Sauerstoff und bringt Kälte. Der Raum wird enger. Die Decke sinkt. Wände und Boden rücken näher an seinen Körper heran. Ihr Druck presst die Muskeln seiner Arme und Beine zusammen. Knochen. Wirbel und Gelenke. Der Felsbrocken quetscht das Fleisch.
Die letzten klaren Gedanken des Vaters gelten der Schutzpatronin aller Bergleute, der heiligen Barbara, doch diese beantwortet sein lautloses Gebet mit Schweigen. Die Stille trennt Irinas Vater von der Welt und sein Bewusstsein versickert. Benommen schließt er die Augen, ergibt sich der Schwärze, doch die erlösende Ohnmacht will nicht eintreten. Nach acht Stunden des Wartens auf den Tod, von erstickendem Schmerz begleitet, wird er von einem Suchtrupp gerettet.
Für einen Grubenarbeiter einer halb legalen Mine, der im
Monat so viel verdient, dass es für ihn und seine Familie gerade zum Leben reicht, macht man sich keine große Mühe. Das verschüttete Bein kann mithilfe eines gewöhnlichen Spatens ausgegraben werden. Mehr Schwierigkeiten bereitet jedoch die Freilegung seines rechten Armes. Ein Teil eines Felsbrockens, der die Größe eines Kleinwagens aufweist, ist darauf zu liegen gekommen.
Rasch entscheidet man sich für die Amputation von Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Wie sie ihren Vater vor den Schnitten, die sie mit einem gewöhnlichen Taschenmesser durchführen, betäubt haben, erfährt die kleine Irina nie. Seine Finger jedenfalls bleiben als Vorboten unter der Erde.
Als die Männer die Trage vor dem Haus der Familie abstellen,
lässt das Mädchen die eben gesammelten Margeriten fallen. Das Spiel, in dem sie einer unsichtbaren Gräfin bunte Blumen und Steinchen zum Verkauf angeboten hat, jäh unterbrochen.
Die Augen ihres Vaters geschlossen. Sein Arm mit einem zerrissenen Stück Unterhemd verbunden. Doch es ist nicht der Anblick des blutigen Stoffes, der das Mädchen aus der Fassung bringt. Irina kennt ihren Vater als den starken Elternteil, stets aufrecht, gut gelaunt und optimistisch. Nun liegt er vor ihr. Seine bleiche Gesichtshaut unter dem Kohlestaub ein herber Kontrast. Der Körper starr. Bewegungslos.Das Mädchen spürt, wie seine Muskeln an Spannung verlieren. Die Stützkraft der Knochen schwindet. Irina erfasst, dass sie ab nun niemanden mehr hat, an dem sie sich festhalten kann, keinen, der ihr weiterhin seine Geschichten aus der geheimnisvollen unterirdischen Welt erzählen wird.
Irina kriecht neben ihren Vater auf die Trage und legt ihren langen geflochtenen Zopf als Binde über ihre Augen, fühlt ihr Haar, dessen Mandelglanz der Vater stets geliebt hat, welk und brüchig auf ihrer Haut. Sie stellt sich vor, graue Ungeheuer kröchen aus dem Bergwerk herauf, um den Vater und sie in die lichtlose Tiefe zu tragen und erwartet schweigend deren Ankunft. So findet die Mutter Ehemann und Tochter und fällt auf
die Knie.
»Ira!«, kreischt sie, »Vlado!«, und ihr Geschrei, das Irina an
das empörte Rufen der von den Dorfkindern mit Steinen beworfenen
Krähen erinnert, holt die beiden ins Leben zurück.