Leseprobe "Gegen einsam"

1

Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer besitzt siebzehntausend Gegenstände. Von der Büroklammer bis zu seinem Auto.
Ich betrachte die Tafel, auf der die Sätze geschrieben stehen. Helle Schrift. Ihr Grund dunkel. Eine doppelte Linie umgibt den Text.
Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich besuche keine Ausstellungen.Ich sehe mich um. Der Raum ist quadratisch. Hohe Decke. Die Wände weiß. Bilder in Holzrahmen sind an den Seiten angebracht. Der Geruch von frischer Farbe überdeckt meine Empfindungen.
Ein älterer Herr mit grün-braun kariertem Anzug und Nickelbrille wandert die Vitrinen entlang. Beugt sich über die Gläser der Schaukästen. Mustert die Ausstellungsstücke. Manchmal nickt er, als würde er einem unsichtbaren Kurator zustimmen.Er trägt eine Mütze aus beigem Breitcord. Seine Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ich imitiere sein Verhalten.
In den Vitrinen Reißnägel, Kugelschreiber, Schirmständer und Radiowecker. Die Bilder an den Wänden zeigen Autos, Gartenliegen und Doppelbetten. In einer Ecke des Raumes lehnt ein Waffenrad schief auf seinem Ständer, daneben liegt ein halb aufgepumptes Plastikboot in Orange und Rot mit Blasebalg. Sein Schlauch steckt in dem Ventil der Seitenwand.
Ich denke an die Sommerurlaube meiner Kindheit, die ich auf dem Gutshof meiner Großeltern im Salzkammergut verbracht habe. Mein Großvater hat mich auf dem Gepäckträger solch eines Waffenrads zum Zigarettenkaufen mitgenommen, wenn meine Großmutter ihr wöchentliches Kaffeekränzchen in der »Lustigen Spinnerin« besucht hat. Die Leute im Dorf haben ihn
gegrüßt. Mich nicht.
Mir ist kalt. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper. Lauter Alltagsgegenstände. Warum sollte ich sie mir ansehen?
Ich blicke zu der Tafel, die neben der Eingangstür angebracht ist.Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer. Ich ziehe die Schultern zusammen.
Ich bin der durchschnittlichste Mensch, den ich kenne. Das war immer schon so. Als meine Mutter mich zur Welt brachte,lag sie dreizehn Stunden in den Wehen. Der mittlere Zeitwert für Erstgebärende, den man in von Hebammen verfassten Ratgebern
nachlesen kann. Ich wog dreitausendvierhundertfünfzig Gramm und war einundfünfzig Zentimeter lang. Die durchschnittlichen
Maße eines männlichen Neugeborenen meines Jahrgangs.
Mein Leben lang bin ich nicht aufgefallen. Während meiner Kindergartenzeit wurde ich von den Betreuerinnen nie ermahnt, weil ich einen Spielkameraden in den Arm gebissen oder in eine Schmutzlacke gestoßen hätte. Ich habe nie eine Blumenvase zerbrochen und keinem anderen Kind sein Pausenbrot weggenommen.
Ich bin nie gelobt worden, weil meine Salzteigfigur schön geworden ist oder ich die Muttertagskerze fantasievoll beklebt habe, und von mir hing nie eine Zeichnung von einem Piratenschiff an den Wänden oder von einem Haus mit rotem Schindeldach und einem Apfelbaum.
Während meiner Schulzeit hatte ich kein »Sehr gut« in meinen Abschlusszeugnissen, auch nicht im Unterrichtsfach Religion, ich hatte keine negative Note und nie eine Entscheidungsprüfung am Ende des Semesters. Die Burschen haben mich nicht zum Fußballspielen aufgefordert oder zu einem Wettrennen und die Mädchen haben mir keine Liebesbriefe geschrieben. Sie haben nicht einmal über mich gelacht.
Auf einem Wandertag am Semmering wurde ich im Wald vergessen. Der Autobus fuhr ab, als ich gegen den Baumstamm einer morschen Eiche pinkelte. Meine Mutter hat mich am Abend in einer Kneipe im nächsten Ort mit unserem siebzehn Jahre alten Opel Kadett abgeholt.
Nach der Schule bin ich nicht mit meiner Klasse auf Maturareise nach Kreta geflogen. Man hat mich nicht eingeladen und ich habe mich nicht zu fragen getraut. Eine Mitschülerin, die ich zwei Monate später getroffen habe, hat zu mir gesagt: »Ich hasse das Herbstwetter in Österreich. Erinnere dich an den Sandstrand in der Tigani-Bucht, Manuel! An das türkisblaue Meer. Ich würde sofort wieder dorthin fliegen, wenn ich Geld für das Ticket besäße.«
Ich nahm mir vor, eine Weltumrundung als Rucksacktourist zu starten oder per Autostopp nach Barcelona zu reisen. Ich wollte einen Fallschirmsprungkurs belegen und mich bei einer Männerzeitschrift als Sportjournalist bewerben. Ich bin in Wien geblieben und habe angefangen als Postbeamter zu arbeiten. Ich weiß nicht warum.
Ich stehe montags bis freitags von acht bis sechzehn Uhr, bei einer Mittagspause zwischen zwölf und eins, hinter dem Schalter.Nehme Briefe entgegen und Pakete, die nach Italien verschickt werden, nach Venezuela oder auf die Philippinen. Ich selbst habe Österreich nie verlassen.
Ich bin der Mittelwert eines Menschen. Mein Lieblingsbuch ist »Der Herr der Ringe« von J. R. R. Tolkien, mein Lieblingsfilm »Der Pate« von Francis Ford Coppola und mein Lieblingslied ist »Imagine« von John Lennon. Die Titel führen jeweils die Listen der meistgelesenen Bücher, meistgesehenen Filme und meistgehörten Songs der Welt an.
Ich bin einen Meter und achtundsiebzigeinhalb Zentimeter groß, was exakt der Durchschnittsgröße österreichischer Männer entspricht, die in dem zuletzt herausgegebenen Jahrbuch der Statistik Austria zu finden ist. Ich habe mit zwei Frauen geschlafen,von denen keine länger als drei Monate meine Freundin bleiben wollte, habe braune Augen und mein Friseur bezeichnet meine Haarfarbe als mittelbraun. Ich fahre einen VW Golf und werde vermutlich am 6. September 2051 mit genau siebenundsiebzig Komma drei Jahren an einem Herzinfarkt sterben.
Ich betrachte einen Klapptoaster. Das gleiche Modell der gleichen Marke steht in meiner Einbauküche. Wenn ich mich krank fühle, bereite ich mir damit Toast Hawaii zu, esse die eine Hälfte und lasse die andere stehen.
Mich friert. Ich habe gehört, dass man in Museen die Temperatur niedrig hält, um die Exponate zu schützen. Ist das hier nötig? Ich sehe mich um. Der ältere Herr hat den Raum verlassen. Ich beuge mich nach hinten. Blicke durch die Glastür ins Foyer. Die Kassadame sitzt an ihrem Platz. Sie blättert in einer Zeitschrift. Die Stirn in ihre rechte Hand gestützt. Sonst sehe ich niemanden.
Der Ausstellungsraum ist größer als zu dem Zeitpunkt, an dem ich gekommen bin. Ich möchte hinaus. Öffne die Glastür. Zerknülle die Eintrittskarte in meiner Hosentasche. Ich nehme meine Jacke vom Garderobenhaken. Murmle der Kassiererin »Auf Wiedersehen« zu und verlasse das Museum. Sie blickt nicht auf.
Draußen Regen. Ich ziehe meine Kapuze über den Kopf in meine Stirn. Das Licht der Autoscheinwerfer und Reklameschilder verschwimmt. Lichtkegel in der Dunkelheit. Das Werbeplakat an der Litfaßsäule verspricht jugendliches Aussehen bei täglicher Verwendung einer Anti-Aging-Creme.
Ich blicke auf meine Uhr. Mit einem Knopfdruck kann ich ihr Ziffernblatt zum Leuchten bringen. Kurz vor halb fünf und es ist finster. Ich mag den Winter nicht. Er beendet die Tage, bevor etwas Außergewöhnliches passieren kann.

2

Ich lache nicht gerne. Ich habe mich dabei im Spiegel betrachtet.
Meine Mundwinkel schieben sich nach außen und oben, drücken meine Wangen hoch, lassen sie geschwollen aussehen, als hätte ich Mumps. Mein Mund wird breit. »Maja, meine Breitmaulfröschin «, hat mein erster Freund einmal zu mir gesagt. Ich habe ihn nie wieder geküsst.
Ich sitze an meinem Schreibtisch. Blicke durch die Glasfront meines Büros auf die Einkaufsstraße hinunter. Die Menschen laufen durcheinander. Sind Ameisen.
Ameisen tragen tote Raupen, Käfer oder Schmetterlinge in ihren Bau, um ihren Staat zu ernähren. Die Menschen tragen Plastiktaschen und Papiersäcke von Armani, Gucci oder Rolex.
Ich feiere Weihnachten nicht. Jedes Jahr bekomme ich von
meiner Mutter eine Einladung zu unserem traditionellen Familienfest in Gmunden zugesandt. Jedes Jahr schicke ich ihr die Karte, die sie von Hand mit Gold- oder Sternenpapier beklebt hat, zurück.
Seit Mitte Oktober hängen Lichterketten über der Einkaufsstraße. Sie formen Weihnachtssterne, Rentiere und Englein. Im November sind Christbäume in die Auslagen der Geschäfte gestellt worden. Es gibt keine Art der Schmückung, keine Farbvariante, die ich noch nicht an ihnen gesehen habe. Die Kinder tun mir leid.
Eine Frau in einem Lodenmantel dreht sich nach einer Gruppe
lateinamerikanisch gekleideter Musiker mit langen Haaren um, die ihre Instrumente auspacken. Sie stößt mit einem Herrn zusammen.Pakete fallen auf den Boden, Orangen und Äpfel springen über das Kopfsteinpflaster, rollen, kommen an der Mauer des Jungfrauenbrunnens zum Stillstand. Der Herr reißt die Arme hoch. Gestikuliert. Sein Mund unter dem Schnurrbart klappt auf und zusammen. Ich wende mich ab.
Auf dem Weg zur Kantine kommt mir mein Chef entgegen. Er bleibt stehen. Seine Sekretärin drei Schritte hinter ihm. Im Büro wird sie »die Neue« genannt. Sie arbeitet seit einem dreiviertel Jahr in unserer Kanzlei. Ich mustere sie. Ihr blondes schulterlanges Haar ist strähnig. Nie sieht es frisch gewaschen aus. Sie hält ihren Kopf gesenkt, einen Stapel Akten vor ihrer Brust. Ein Brustpanzer, denke ich.
Ich habe versucht, mich mit ihr zu unterhalten. Sie sieht einem
nicht in die Augen und antwortet »Hmm« und »Aha«, wenn man mit ihr spricht. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich in ihrer Nähe gestanden bin, ist mir aufgefallen, dass sie keinen
Körpergeruch hat.
»Ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen«, sagt mein Chef. Er hat diesen verbissenen Gesichtsausdruck. Die Tür zur Kantine
steht offen. Aus der Küche duftet es nussig. Ich blicke auf die
Stehtafel vor dem Eingang. Lese das Tagesgericht. Biokürbisrisotto,garniert mit gebratenen Kürbiskernen und einem Schuss steirischem Kernöl. Ich schmunzle. Ich weiß, dass unser Koch von einer Anstellung im Palais Coburg träumt oder im Plachutta.
Mein Magen knurrt.Mein Chef mustert mein Gesicht und sein Ausdruck wird härter. Er zieht Luft durch die Nase: »Ich bin überhaupt nicht zufrieden, Frau Kramer!«
Meine beiden Kollegen, die uns am nächsten sitzen, heben die
Köpfe. Ich blicke zu ihnen und zurück: »Und warum nicht?«
Die Sekretärin im Hintergrund wird ein Stück kleiner. Sie
presst die Akten fester gegen ihre Brust.
»Weil ich Sie wiederholt angewiesen habe, Kundentermine nicht in einer Studentenbude abzuhalten. Wir treffen unsere Mandanten im Marriott oder im Bristol. Nicht im ›Centimeter‹!«
Die Stimme meines Chefs ist gegen Ende des Satzes lauter geworden. Die Gesichtsfarbe dunkler. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass sich die drei Kolleginnen, die zusammen an einem Tisch sitzen, aufgerichtet haben. Ich verlagere mein Gewicht von einem Bein auf das andere.
»Ich sehe das nicht …«
Mein Chef hebt die Hand: »Es ist mir völlig gleichgültig, wie Sie das sehen, Frau Kramer! Wenn Sie mit den Arbeitsbedingungen
als Steuerberaterin nicht zurechtkommen, hätten Sie Greenpeaceaktivistin werden sollen oder Sozialarbeiterin.Halten Sie sich an unsere Regeln, oder Sie fliegen hier raus!«
In der Kantine Stille. Die Sekretärin hat ihre Schultern zusammengeschoben.Ich sehe meinem Chef in die Augen: »Es wäre höflich, mich in Ihr Büro zu bitten, wenn Sie mir so etwas zu sagen haben.«
Er starrt mich an. Seine Brauen berühren sich beinahe. Er öffnet seinen Mund. Die Sekretärin hinter ihm stöhnt auf. Der Aktenstapel rutscht aus ihren Händen. Blätter fallen zu Boden. Sie fällt. Das Geräusch, das der Aufschlag ihres Hinterkopfs auf dem Parkett verursacht, lässt meinen Chef herumfahren. Die Augäpfel der Sekretärin, ich meine, dass ihr Vorname Carolina
ist, kippen nach hinten. Ihre Hände zu Fäusten geballt. Arme und Beine gestreckt. Speichel läuft aus dem Mund. Ihre Lippen färben sich blau. Ich beiße auf meine. Carolinas Körper beginnt zu zucken. Ihr Kopf schlägt rhythmisch auf den Boden. Blut läuft, verteilt sich, bildet eine Lacke. Die Mitarbeiter in der
Kantine sind aufgestanden. Der Chef blass.
»Helfen Sie ihr, Frau Kramer. Sie können so etwas. Ich kann
kein Blut sehen!«
Er wendet sich ab. Ich knie mich neben Carolina. Spüre Schweiß auf meiner Stirn. Das Blut kommt aus ihrem Mund. Sie hat sich in die Zunge gebissen. Ihr Atem geht stoßweise. Meine Hände zittern. Ich berühre Carolina an der Schulter. Streichle
sie. Flüstere: »Ich bin bei dir.« Fühle mich allein.
Ich versuche mich an den Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern, den ich während meiner Führerscheinausbildung absolviert habe. Ich hatte mich in den Vortragenden, einen mexikanischstämmigen Sanitäter verliebt, der lispelte, wenn er erregt war. Ich habe mich während des Unterrichts mehr auf seine Aussprache als auf den Inhalt seiner Worte konzentriert.
Ich bringe Carolina in die stabile Seitenlage. Streichle sie. Rede mit ihr. Ihr Atem wird ruhiger. Arme und Beine entkrampfen
sich. Der Kopf sinkt zu Boden. Ich schaue auf.
»Holt die Rettung!«, rufe ich an meine Kollegin Regine und
die anderen gewandt. Die Anwesenden greifen zu ihren Mobiltelefonen.
Carolinas Augäpfel drehen sich in eine normale Position zurück. Ihre rechte Pupille wandert nach außen und wieder in die
Mitte. Ihr Blick wird klarer. Sie sieht mich an. Hebt ihren Kopf.Schaut zur Kantine. Zu unserem Chef. Betrachtet die Blutlacke neben sich. Tränen treten in ihre Augen.
»Ist schon gut«, sage
ich zu ihr, »gleich wird jemand hier sein, der Ihnen helfen kann.«
Sie weint.
Die Sanitäter kommen mit einer Trage. Es sind zwei Österreicher,einer stämmig, mit Bierbauch, der andere jünger und mit Geheimratsecken. Sie heben Carolina auf die Liege, nicken uns Umstehenden zu. Carolina dreht ihren Kopf weg. Sie tragen sie hinaus. Regine geht nebenher und schildert den Vorfall. Als die vier um die Ecke des Ganges verschwunden sind, weicht der Druck von meiner Brust und ich kann wieder atmen.
Mein Chef bittet mich in sein Büro.
»Sie haben das hervorragend gemacht, Frau Kramer. Ich würde
mich freuen, wenn Sie Erste-Hilfe-Beauftragte unserer Kanzlei würden. Der Grundkurs beginnt in einem Monat und wir haben
noch niemanden für diesen Posten.«
Ich möchte in sein Gesicht schlagen.