Prolog


Ein Schnitt trennte die Verbindung. Die Hebamme nahm das Neugeborene und trug es fort. Wog es. Wusch Blut und Schleim von seiner Haut. Gab ihm einen Klaps auf den Hintern. Es blieb still. Sie hielt den Säugling von sich, betrachtete die geschlossenen Augen. Sie legte ihr Ohr an seinen Oberkörper und lauschte. Sie spürte das Heben und Senken des Brustkorbs, hörte den feinen Atem, der gleichmäßig ging. Sie wickelte das Baby in ein Leinentuch und brachte es in den Kreißsaal zurück.
Die Mutter hob den Kopf. Sie stützte sich auf die Ellenbogen: „Geht es ihm gut?“
Die Hebamme nickte: „Alles in Ordnung.“
Katharina ließ sich in den Polster zurück fallen und schloss die Augen. Die Hebamme legte den Säugling auf ihre Brust.

Sie haben ein Mädchen geboren“, flüsterte sie.

Nach einer Stunde kamen die Ärzte. Die Kleine hatte keinen Laut von sich gegeben. Ihre Augen fest geschlossen. Die Ärzte nickten der Mutter zu. Eine kurze Untersuchung. Reine Routine. Sie nahmen das Baby und trugen es fort. Katharina sah sie in ihren weißen Mänteln am Ende des Ganges verschwinden, bevor sich die Zimmertür schloss. Die Hebamme tätschelte ihre Hand.

Als die Kleine zurück gebracht wurde, weinte sie nicht. Katharina streckte die Arme aus. Man legte sie auf ihre Brust. Sie streichelte das dünne Haar. Der Oberarzt räusperte sich. Die Lungenfunktionen ihrer Tochter seien getestet. Keine Auffälligkeiten. Die Augenlider hingegen wären verwachsen. Ein kleiner Eingriff, der schon in ein paar Tagen durchgeführt werden könne. Sie müsse sich keine Sorgen machen.

Am nächsten Morgen durfte Katharina mit ihrer Tochter eine Stunde im Klinikpark spazieren gehen. Auf dem Rasen blühten lila, weiße und orange Krokusse. Um die Palmkätzchensträucher schwirrten Bienen und die Vögel in den Bäumen zwitscherten. Katharina trug ihr Baby auf dem Arm. Sein Gesicht sah rund und rosig aus. Hätte sie nicht gewusst, dass die Kleine zu jung dafür war, sie hätte schwören können, ein Lächeln darin zu erkennen.

Am Nachmittag wurde der erste Besucher gemeldet. Katharina ließ ihn fort schicken. Die Schwester berichtete über eine halbe Stunde Diskussion und anschließende Beleidigungen. Katharina strich über die rosafarbene Tagesdecke des Bettchens, betrachtete die geschlossenen Augen ihres Babys und zuckte mit den Schultern.
Bitte richten sie allen aus, dass sie Sandra bei uns zu Hause sehen können.“

Fünf Tage später hörte Katharina das erste Mal die Stimme ihrer Tochter. Ihr Magen krampfte sich zusammen, so durchdringend war der Schrei. Die Ärzte kamen sofort. Die Operation sei hervorragend verlaufen. Das Narkosemittel habe zu hundert Prozent gewirkt, aber als man ihrer Tochter die Augen geöffnet habe, habe sie zu schreien begonnen. Medizinisch gesehen unmöglich. Man habe sich entschieden die Dosis des Anästhetikums zu erhöhen und sie so wieder beruhigen können.

Johannes reichte seinem Geschäftspartner die Hand. Fjodor Sergejewitsch erhob sich schwerfällig. Johannes betrachtete die leeren Wodkagläser auf dem Tisch. Er griff nach der Flasche und schenkte nach: „Trinken wir noch einen Letzten! Auf meine Tochter!“
Fjodor seufzte und hob sein Glas. Johannes nahm den Wodka und leerte ihn in einem Zug. Die Nachrichten seiner Frau waren schlimmer geworden. Fünf Wochen vergangen und die Kleine hatte nicht aufgehört zu schreien. Tag und Nacht. Stunde für Stunde. Selbst wenn sie zwischendurch vor Erschöpfung einnickte, dauerte ihr Schlaf nur wenige Minuten. Die Ärzte wussten keinen Rat. Bestätigten die medizinisch einwandfreien Werte. Hebammen. Psychologinnen. Verwandte und Freunde. Niemand konnte helfen. Zwei Kindermädchen hatten bereits gekündigt und ein neues ließ sich nicht finden. Johannes sah zur Tür.

Mein Zug fährt in einer halben Stunde.“
Viel Glück!“
Fjodor lachte leise.

Der Bahnhof war voller Menschen. Reisende mit Koffern und Taschen, die jüngeren unter ihnen trugen Rucksäcke. Andere waren gekommen, um einen Freund, oder Verwandten zu verabschieden. Umarmten sich, oder winkten. Johannes stieg in den letzten Waggon des Zuges. Er drängte sich durch die Reihen. Fand keinen Sitzplatz. Am Fenster stehend, spürte er, wie sich der Boden unter seinen Füßen in Bewegung setzte und sah hinaus. Taschentücher wurden gezückt. Ein Mädchen rief nach seinem Vater. Ein Dackel rannte bellend neben den Gleisen, während ihn seine Besitzerin unter Flüchen in ihren Stöckelschuhen verfolgte.
Bei uns reist man viel mit der Bahn,“ hatte ihn Fjodor aufgeklärt. Warum er keinen Flug nach Moskau nehmen wolle?
Einmal fliegen ist mir genug“, hatte Johannes erwidert. Er möge die Klimaanlagen und die engen Sitzreihen in den Passagiermaschinen nicht.

Katharina stand am Fenster und lauschte in die Stille. Seit drei Minuten und vierundfünfzig Sekunden Schweigen. Sie schloss die Augen. Spürte die Schwere ihrer Lider, die Wärme und Dunkelheit des Schlafs, der seit Wochen in ihrer Nähe lauerte.
Wie sie das ertragen könne, hatte man sie gefragt. Dass Babys schreien, sei normal. Aber so etwas? Sie fürchtete jeden Moment zu Boden zu sinken, nahm all ihre Kraft zusammen und öffnete die Augen. Sie sah hinaus. Die weißen Gartenstühle waren so unberührt, dass sie das Sonnenlicht reflektierten. Auch die Eltern waren nach zwei Tagen abgereist. „Such dir ein anständiges Kindermädchen!“, hatte die Mutter bei der Abfahrt geraten, während der Vater lächelnd aus dem laufenden Wagen gewinkt hatte. Statistisch gesehen schlafen Babys im ersten Lebensjahr zwischen fünfzehn und achtzehn Stunden pro Tag, hatte er seiner Tochter erklärt, und dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, die kleine Sandra werde das früher oder später genauso tun.
Katharina betrachtete den endlosen Garten. Am Teich verfolgten zwei Erpel eine Ente. Als sie aus dem Wasser hüpfte, richteten sich die beiden auf und schlugen mit den Flügeln. Zwischen den Tannen huschte ein Eichkätzchen über den Boden. Sandra schrie.

Der Zug hatte in Samara gehalten. Viele Reisende waren zugestiegen und kaum jemand aus. Johannes roch die abgestandene Luft. Den Schweiß seines Nachbarn. Er blickte zum Himmel und sah einen Greifvogel, der in der Ferne seine Kreise zog. An seinem gekerbten Schwanz erkannte er einen Milan. Weiter oben verflüchtigten sich die Reste eines Kondensstreifens. Er wandte sich seinen Mitreisenden zu: „Hat jemand etwas dagegen, wenn ich das Fenster öffne?“
Er fragte sich, ob man ihn verstehen konnte. Nach der Beförderung hatte er mehrere Russischkurse besucht, aber seine Geschäftspartner hatten es vorgezogen sich auf Englisch mit ihm zu unterhalten.

Es ist kalt draußen.“
Eine dickliche Frau mit glattem Gesicht und Stirnband klopfte mit dem Zeigefinger gegen die Scheibe. Die anderen Passagiere schüttelten den Kopf.

Darf ich?“
Er schob die Frau ein wenig zur Seite und öffnete das Fenster. Kalte Luft strömte herein. Sie zuckte mit den Schultern, murmelte etwas und wandte sich ab. 

Katharina hob den Kopf. Sie hielt den Atem an, um besser hören zu können. Das Schreien der Kleinen hatte sich verändert. War schriller geworden. Nach all den Wochen, Tagen und Stunden hatte sie geglaubt, jede seiner Nuancen zu kennen. Sie stand auf und ging in das Kinderzimmer. Die Wände rochen nach Farbe. Vor drei Tagen hatte sie die Idee gehabt, Sandras Umgebung zu verändern. Hatte ihr Zimmer nach Wasseradern absuchen lassen, neue Vorhänge und Decken gekauft, Möbel verrückt und Wände gestrichen. Sie setzte sich neben das Bettchen und starrte auf das schreiende Wesen. Am schlimmsten war die Ohnmacht. Katharina begann zu weinen.

Der Zug glitt durch die Landschaft. Das gleichförmige Rattern hatte Johannes Körper weicher werden lassen. Mit halb geschlossenen Lidern lehnte er am Fensterrahmen. Ein Rucken ging durch den Wagen. Kaum spürbar. Johannes hob den Kopf. Die dickliche Frau richtete sich auf. Er ließ sich wieder gegen den Fensterrahmen sinken und lauschte.

Sandras Schreien wurde lauter. Katharina wischte sich über die Augenwinkel und setzte sich auf. Ihr Rücken war kerzengerade. Das Gesicht des Babys wurde dunkler. Katharina fasste nach der kleinen, zur Faust geballten Hand.
Sandra, beruhige dich. Sandra!“

Die Stoßwelle kam mit einer solchen Wucht, dass sich keiner der Passagiere halten konnte. Sie wurden durch die Luft gewirbelt. Schlugen mit ihren Körpern an Wände, Sitze, Tische und Boden. Johannes wurde aus dem Fenster gedrückt. Er hörte die Schreie, spürte die schneidende Kälte und die plötzliche Schwerelosigkeit.

Sandras Köpfchen färbte sich blau. Katharina riss sie aus dem Bett. Sie drückte ihre Tochter an die Brust und stürzte aus dem Zimmer. Rannte den Flur entlang zum Telefon.

Johannes sah in den Himmel. Die Reste des Kondensstreifens waren kaum noch erkennbar. Er spürte das Gras, weich wie ein Federbett. Sein Brustkorb fühlte sich seltsam an. Ein großes Loch aus dem langsam die Luft entwich. In der Ferne schwebte der Milan, zog seine Kreise, wurde kleiner, verschwand.

Mit einer Hand hielt Katharina ihre Tochter an sich gepresst. Mit der anderen wählte sie die Nummer. Vertippte sich. Fluchte unter Tränen. Wählte erneut. Sie hörte den Freiton. Sandra schwieg.

Wolken erschienen am Himmel. Zogen sich zusammen. Es wurde dunkler und dann schwarz.

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